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    Fotos aus einer Stadt, in der Menschen sich um Wasser prügeln

    Fotos aus einer Stadt, in der Menschen sich um Wasser prügeln


    Wer in Delhi arm ist, wartet jeden Tag auf den städtischen Wassertanker. Gehen Menschen am Tanker leer aus, bleibt ihnen nur noch der Gang zu den Wassermafias – oder lebensgefährlicher Durst und Dreck. Am 20. März gerieten der 60-jährige Lal...

    Wer in Delhi arm ist, wartet jeden Tag auf den städtischen Wassertanker. Gehen Menschen am Tanker leer aus, bleibt ihnen nur noch der Gang zu den Wassermafias – oder lebensgefährlicher Durst und Dreck. Am 20. März gerieten der 60-jährige Lal Bahadur und sein 19-jähriger Sohn Rahul Harijan in einen Kampf unter Nachbarn, als sie versuchten, Wasser von einem Tanker in Nord-Delhi zu ergattern. Bahadur starb sofort, Harijan erlag einen Monat später seinen Verletzungen.

    Seit Jahren kämpft Indien mit Wasserkrisen. Das Hauptstadtterritorium Delhi streitet sich seit geraumer Zeit mit seinem nördlichen Nachbarn, dem Bundesstaat Haryana. Der Streitgegenstand: der Yamuna, der zuerst durch Haryana fließt. Der Ganges-Nebenfluss ist die wichtigste Lebensader beider Regionen. Delhi wirft Haryana vor, seinen Pflichten bei der Wasserzufuhr und -aufbereitung nicht nachzukommen, Delhi erreicht zu wenig und zu verschmutztes Wasser. Der Streit nimmt politische Dimensionen an, selbst der Oberste Gerichtshof hat sich damit befasst.

    Einem Regierungsbericht zufolge leiden 600 Millionen Menschen in Indien an extremem Wassermangel, das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Wasserknappheit gehört inzwischen zum nordindischen Sommer wie der Monsun – allerdings war auch die Regensaison in den vergangenen fünf bis sechs Jahren unzureichend, Experten sehen darin Auswirkungen des Klimawandels. Im Mai spitzte ein Großbrand in dem Viertel Malviya Nagar im Süden Delhis die Lage weiter zu. 800.000 Liter Wasser brauchte es, und dazu noch einmal 7.500 Liter aus einem Hubschrauber der indischen Luftwaffe, bis der Brand gelöscht war.

    Lal Bahadurs Sohn Rohit Kumar hält Fotos von seinem Vater und seinem Bruder

    Das Grundwasser in vielen indischen Großstädten, darunter Delhi, sinkt stetig. Die Wasserknappheit bedroht das wirtschaftliche Fundament des Subkontinents: Indien hat nicht nur mehr als 1,3 Milliarden Einwohner, etwa die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung ist in der Landwirtschaft beschäftigt, die Erzeugnisse machen über 16 Prozent des Bruttosozialprodukts aus.

    Im Mai versiegelten die Behörden von Delhi auf Anweisung des nationalen Umwelt-Tribunals etwa 750 illegale Bohrbrunnen, um das rapide Sinken des Wasserspiegels zu verlangsamen. Im Hauptstadtterritorium leben fast 17 Millionen Menschen, Regierungsvertreter sprechen von circa 5.000 illegalen Wassergewinnungsstellen in der Metropole. Viele Einwohnerinnen und Einwohner haben kein Vertrauen in die prekäre Wasserversorgung der Stadt, der Verkauf von Trinkwasser in Flaschen schießt in die Höhe. Doch nur 64 Wasserabfüllanlagen haben die Berechtigung, die Hauptstadt und deren Umland mit Trinkwasser zu versorgen; Tausende illegale Abfüllanlagen füllen die Lücke.

    Der Fotograf Vijay Pandey von VICE India hat sich in den am schwersten betroffenen Vierteln Delhis umgesehen.

    Rohit Kumar

    Rohit Kumar
    "Mein Vater und mein Bruder gerieten in einen Kampf um Wasser. Die Situation hat sich seit dem Tod meines Vaters nicht gebessert. Die Menschen kämpfen weiterhin um Wasser. Wir erwarten von der Regierung, dass sie Wasser bereitstellt, damit das, was unserer Familie passiert ist, nicht noch mehr Leuten passiert. Wir haben Angst, wenn wir Wasser holen gehen."

    Manoj Kumar

    Manoj Kumar
    "Ich wohne in Sanjay Camp [ ein Slum in Delhi, Anm. d. Red.] und arbeite im Hotel Ashoka. Jeden Tag verbringe ich etwa drei bis vier Stunden mit Wasserholen. Oft kämpfen die Menschen untereinander um die Rationen. Wir müssen unsere Arbeitszeiten auf die Wasserknappheit einstellen. In der Hotelbranche verdienen wir mit Überstunden am meisten, aber aufgrund der Knappheit können wir keine Überstunden machen. Ohne Wasser geht nichts. Wir müssen auf Privattoiletten gehen, um zu baden und unsere Wäsche zu waschen. Jedes Mal müssen wir dafür zehn Rupien [ca. 0,12 Euro] zahlen."

    Ibrahim

    Ibrahim
    "Ich lebe seit drei Jahren in Sanjay Camp. Ich arbeite als Zimmerjunge im Hotel Taj Mansingh. Wir müssen weit laufen, um vor der Arbeit ein Bad zu nehmen, und oft müssen wir auch ungebadet in die Arbeit gehen. Die Leute kämpfen viel, wenn der Tanker ankommt. Er ist selten pünktlich, wir warten meist zwei bis drei Stunden. Wenn wir kein Wasser bekommen, müssen wir für den Zugang zu Privattoiletten zahlen."

    Harsh

    Harsh
    "Die öffentlichen Toiletten haben seit mindestens zwei Monaten kein Wasser mehr. Wir müssen manchmal in die Schule gehen, ohne gebadet zu haben. Die Toiletten sind immer dreckig, also müssen wir unser Geschäft unter freiem Himmel verrichten. Die Menschen kämpfen ständig um Wasser. Ich habe schon gesehen, wie Leute hinfallen und sich die Beine verletzen. Wenn jemand leer ausgeht, gehen die Kämpfe los."

    Archana Charan

    Archana Charan
    "In Sanjay Camp müssen wir um Wasser kämpfen. Manchmal kommt es, manchmal nicht. Die Situation mit den Toiletten ist so schrecklich. Manchmal kommen wir mit leeren Eimern nach Hause. Das hat Auswirkungen auf unsere Familien, unsere Kinder und deren Schulbildung. Wegen all dieser Probleme kommen unsere Kinder zu spät in die Schule, unsere Ehemänner kommen zu spät zur Arbeit."

    Akbar

    Akbar
    "Ich verkaufe im Viertel Jamia Nahar täglich 40 bis 50 Kanister gefiltertes Wasser. Ich verlange pro Kanister 20 Rupien [ca. 0,25 Euro]. Das mache ich jetzt seit drei oder vier Jahren, und es gibt um die 200 Personen, die dasselbe machen. Wir haben hier einen festen Kundenstamm. Sie bezahlen für 10 bis 15 Tage, manchmal für einen Monat, und manchmal für nur fünf Tage."

    Mohammed Azmi arbeitet in einer illegalen Bohrbrunnen-Anlage in dem Viertel Shaheen Bagh im Süden Delhis

    Mohammed Azmi, illegaler Bohrbrunnen-Arbeiter
    "Das hier ist gefiltertes Wasser. Wir haben Stammkunden, die hier fest wohnen. Die Stadtbehörden machen uns viel Ärger. Sie kommen immer wieder und versiegeln den Brunnen. Ich habe gehört, dass sie viele Filteranlagen in den Vierteln Batla House und Abu Fazal geschlossen haben. Allein in diesem Teil der Stadt gibt es 200 bis 250 solcher Anlagen. Wir verkaufen pro Anlage um die 1.130 Liter am Tag. Das ist alles Grundwasser, das wir filtern und an kleine Tanker verkaufen."

    Nikunj Garg

    Nikunj Garg
    "Ich verkaufe hier Wasser. Am Tag sind es mehr als 200 Päckchen für zwei bis drei Rupien [ca. 0,03 Euro] das Stück."

    Bewohner des Slums Sanjay Camp in Delhi holen sich Wasser von den Verteilertankern, die täglich eintreffen Wasserknappheit wird in Nordindien zur schrecklichen Normalität Wenn der Wassertanker endlich eintrifft, muss die ganze Familie mithelfen Wer den Tanker verpasst oder leer ausgeht, muss sich an die Wassermafias in den Vierteln wenden

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    Qualvolles Runterkommen: Kann dich ein Drogen-Kater umbringen?

    Qualvolles Runterkommen: Kann dich ein Drogen-Kater umbringen?


    Meine schlimmste Landung erlebte ich 2015. Drei Tage lang hatte ich auf einem Festival Alkohol gesoffen und Ecstasy geschmissen. Zurück im heimischen Bett erlebte ich statt erholsamem Schlaf eine grässliche Tortur aus Schweiß, Hirnzuckungen und...

    Meine schlimmste Landung erlebte ich 2015. Drei Tage lang hatte ich auf einem Festival Alkohol gesoffen und Ecstasy geschmissen. Zurück im heimischen Bett erlebte ich statt erholsamem Schlaf eine grässliche Tortur aus Schweiß, Hirnzuckungen und schrecklichen Albträumen. Ich erinnere mich noch, wie ich durch eine orange-leuchtende Traumlandschaft schwebte, während mein Gewissen auf mich einredete. Ständig sagte es mir, was für eine furchtbare Person ich sei. Schlagartig wachte ich auf, klitschnass vor Schweiß und schaute auf den kleinen Wecker neben meinem Bett. Ich hatte erst 30 Minuten geschlafen. Es war schon die dritte Nacht, seit ich vom Festival zurückgekommen war.

    Mehr als einmal fragte ich mich damals, ob ich den Spaß nicht zu weit getrieben, meine Synapsen nicht zu sehr herausgefordert hatte. Würde ich am Runterkommen sterben? Wie du an diesen Zeilen unschwer erkennen kannst, bin ich das nicht. Trotzdem ließ mich dieser Gedanke seitdem nicht mehr los. Also habe ich ein paar Experten angerufen, um die Sache ein für alle mal zu klären.

    Auch von VICE: High Society – Die Wahrheit über Ecstasy

    "Zuerst musst du zwischen einem Comedown, also dem Runterkommen von Partydrogen, und Entzugserscheinungen unterscheiden", sagt Rick Bradley. Bradley arbeitet bei der britischen Wohltätigkeitsorganisation Addaction, die sich in den Bereichen Drogen- und Alkoholabhängigkeit sowie psychische Gesundheit engagiert. Er will zuerst über den Entzug sprechen. Dieser könne bei Drogen wie Alkohol und Benzodiazepinen sehr problematisch und gefährlich sein, wenn man ihn ohne professionelle Hilfe angeht.

    Lebensgefährliche Entzugserscheinungen stellen sich jedoch erst nach einer anhaltenden schweren Abhängigkeit ein – also bei Menschen, die täglich mehr als sechs Flaschen Bier oder zwei Flaschen Wein trinken. Jemand, der sich nur am Wochenende betrinkt, kann zwar auch alkoholabhängig sein, dürfte aber durch einen Entzug nicht in Lebensgefahr kommen.

    In jedem Fall ist so ein Alkoholentzug keine leichte Sache. In den ersten 24 bis 36 Stunden nach Beginn können je nach Schwere der Abhängigkeit Zittern, Schweißausbrüche, Unruhe und Schlaflosigkeit auftreten. In besonders schweren Fällen kann das Delirium Tremens einsetzen, eine furchterregende Psychose mit Halluzinationen, Erbrechen, Durchfall, Krampfanfällen bis hin zum Tod.

    Es sei für schwere Trinker definitiv nicht sicher, auf eigene Faust komplett mit dem Trinken aufzuhören, sagt Dr. Ben Sessa, ein Suchtpsychiater, der den therapeutischen Nutzen von MDMA erforscht. Betroffene sollten stattdessen eine medizinische Entgiftung machen und sich hohe Dosen Benzos verabreichen lassen, um ihr Gehirn zu schützen. Alternativ, sagt Sessa, sei auch eine kontrollierte Entgiftung möglich, bei der über Wochen und Monate langsam die Alkoholdosis runterfahren wird.

    Angesichts des anhaltenden Xanax-Hypes dürfte der Benzo-Entzug für manche interessanter sein. Genau wie bei Alkohol kann es lebensgefährlich sein, von heute auf morgen einfach keine dieser Psychopharmaka mehr zu nehmen. Man riskiere einen Anfall, sagt Sessa, weil das Gehirn sich an die sedierende und krampflösende Eigenschaft des Medikaments gewöhnt hat. "Es wird überreizt", so der Therapeut. "Man muss die Dosis langsam runterfahren."

    Illustration: Charlotte Mei

    Der Entzug von Heroin ist ähnlich qualvoll, wenn die Schmerzrezeptoren plötzlich in den Gelenken und Knochen Amok laufen. Lebensgefahr besteht in der Regel allerdings nicht. Aber gut, was ist mit den fiesen Comedowns, die besonders unvernünftige Menschen nach einem Festival oder einer Partynacht heimsuchen?

    "Ich schätze, dass Comedowns daher kommen, wie MDMA und andere Drogen bei Partys genommen werden", sagt Sessa. "Wenn du dein Wochenende damit verbringst, Drogen zu nehmen, zu trinken, kaum zu schlafen und schlecht zu essen, dann haben diese Gefühle, die du in der folgenden Woche bei der Arbeit verspürst, nichts mit leeren Serotoninspeichern zu tun: Es ist ein Kater."

    Sassa verweist darauf, dass sich Teilnehmer seiner Studie nach ihrem Rausch erholt fühlten und den berüchtigten "Afterglow", anhaltend gute Laune auch Tage nach dem Konsum, verspürten – manchmal bis zu fünf Tage lang. Allerdings bekommen seine Probanden auch etwa 120 Milligramm pharmazeutisches MDMA verabreicht und besorgen sich garantiert nicht um 5 Uhr morgens ein halbes Gramm Koks von einem Typen, dem man im nüchternen Zustand kein gebrauchtes Fahrrad abkaufen würde.

    Foto: imageBROKER | Alamy Stock Photo

    Auch wenn MDMA in absehbarer Zukunft zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen zugelassen werden könnte, kann die Droge besonders für Menschen problematisch sein, die ohnehin unter psychischen Problemen leiden. "Wenn jemand zu Verstimmungen und Depressionen tendiert, können sich diese Gefühle durch den Konsum verstärken – dann wird auch der Comedown heftiger", sagt Bradley, der auf 13 Jahre Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Substanzproblemen zurückblicken kann.

    Der Brite Ben Stollery könnte aus diesem Grund vor drei Jahren gestorben sein. Der 18-Jährige hatte an einem Montag Suizid begangen, nachdem er am Freitag davor mit Freunden unterwegs gewesen war und MDMA genommen hatte. Stollery hatte in der Vergangenheit psychische Problemen gehabt. In ihrem Bericht sagte Gerichtsmedizinerin Julie Knight: "In Anbetracht der Möglichkeiten gehe ich davon aus, dass sein Gemütszustand von MDMA und dem Runterkommen von dieser Droge beeinflusst war."

    Auch wenn so ein tragischer Fall eher die seltene Ausnahme als die Regel beschreibt, sollten Menschen mit psychischen Problemen oder Verstimmungen das Risiko abwägen, das das zu erwartende Tief für sie birgt. Ohnehin ist es nie und unter keinen Umständen gut, bei schlechter Laune zu Drogen zu greifen – egal, ob MDMA, Gras, Alkohol oder irgendwelche andere.

    Wenn Menschen sich trotz allem dazu entscheiden, sogenannte Partydrogen zu nehmen, dann sollten sie Mischkonsum – auch mit Alkohol – vermeiden und Safer-Use-Regeln beachten. Sie sollten ausreichend Wasser trinken und nicht vergessen zu essen. Bradley und Sessa empfehlen außerdem ausreichend Schlaf. Gerade nach einem längeren Wochenende oder Festival kann sich die fehlende Nachtruhe erheblich auf Körper und Gemüt niederschlagen. Kurz gesagt: Ein Comedown allein bringt niemanden um.

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    Das BAMF fordert eine Dreijährige zur Ausreise nach Nigeria auf

    Das BAMF fordert eine Dreijährige zur Ausreise nach Nigeria auf


    Mit drei Jahren klettern Kinder normalerweise auf Klettergerüste, lernen, aufs Töpfchen zu gehen und ganze Sätze zu bilden. Selbstverständlich brauchen sie in diesem Alter jegliche Zuwendung ihrer Eltern. Lilian aus dem bayrischen Bad Abbach aber...

    Mit drei Jahren klettern Kinder normalerweise auf Klettergerüste, lernen, aufs Töpfchen zu gehen und ganze Sätze zu bilden. Selbstverständlich brauchen sie in diesem Alter jegliche Zuwendung ihrer Eltern. Lilian aus dem bayrischen Bad Abbach aber soll mit drei Jahren nach Ansicht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgeschoben werden. Und zwar: alleine nach Nigeria.

    In einem Bescheid vom 11. Juli fordert das BAMF laut Süddeutscher Zeitung das Kind auf, "die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen". Weiter heißt es: "Sollte die Antragstellerin die Ausreisefrist nicht einhalten, wird sie nach Nigeria abgeschoben."

    Lilians Mutter und ihrer vierjährigen Schwester spricht die Behörde ein Bleiberecht zu. Das BAMF teilte auf Anfrage von VICE mit: "In jedem Fall gilt, dass Kinder nicht ohne ihre Eltern in ihren Herkunftsstaat zurückkehren müssen, die Rückkehr erfolgt grundsätzlich im Familienverband." Heißt konkret: Die Familie müsste Lilian in diesem Fall nach Nigeria folgen, obwohl sie selbst eigentlich geduldet ist.

    Auch bei VICE: Zimmer Frei: Das Geschäft mit den Flüchtlingen

    Lilians Mutter ist 2014 nach Deutschland gekommen. Das BAMF sprach sowohl ihr als auch Lilians Schwester erst kürzlich eine Duldung zu. Eine weitere Verlängerung dürfte sicher sein, weil die Nigerianerin erst vor wenigen Tagen ihr drittes Kind zur Welt brachte. Notfalls könnte die Familie mit Hilfe eines Anwalts prüfen, ob nicht auch Lilian geduldet werden könnte. Das Aufenthaltsrecht spricht von einer Duldung, wenn eine Abschiebung vorübergehend ausgesetzt wird. Sie stellt keinen Aufenthaltstitel dar, sichert der betreffenden Person aber vorübergehenden Schutz in Deutschland.

    "Das ist unsäglich"

    Warum dieser Schutz nötig ist, wird deutlich, wenn man die Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes für Nigeria sieht. Demnach sei "das Risiko von Entführungen in ganz Nigeria gegeben", "speziell Entführungen mit dem Ziel der Lösegelderpressung" nähmen in jüngster Zeit zu. Darüber hinaus komme es "in den nördlichen Landesteilen fortgesetzt zu terroristischen Gewaltakten". Die Gefahr von Anschlägen bestehe weiterhin. Dabei stellt sich die Frage, weshalb Lilian überhaupt nach Nigeria abgeschoben werden soll, obwohl sie im Mai 2015 in Regensburg geboren wurde.

    Zum Einzelfall erteilte das BAMF VICE leider keine Auskunft. Grundsätzlich gilt aber zum Asylverfahren von Kindern: "In den Fällen, in denen ein Familienmitglied ein Abschiebungsverbot erhalten hat, ohne jenes ein anderes Familienmitglied nicht alleine ausreisen kann", werde die Ausländerbehörde "die Abschiebung des Familienmitgliedes [...] aussetzen, solange das Abschiebungsverbot des einen Familienmitglieds besteht".

    Auch wenn die Abschiebung einer Dreijährigen also praktisch wohl kaum durchgeführt werden kann: Der Entscheid des BAMF hat laut der asylpolitischen Sprecherin der Grünen im bayerischen Landtag sowohl die Mutter als auch die Menschen in Bad Abbach verrückt gemacht. "Das ist unsäglich, und zeigt einfach einmal mehr, wie gedankenlos das Bundesamt Entscheide raushaut", sagte Christine Kamm weiter.

    Die Betreuerin von Lilians Familie, Waltraud Brombierstäudl, sagte gegenüber VICE, sie sei "total wütend" gewesen, als sie vom Bescheid erfahren habe. "Ich werde mit der Mutter einen Brief ans BAMF schreiben, denn es geht darum, dass das Amt den Bescheid zurückzieht", so Brombierstäudl. "Vielleicht war das einfach nur eine Fehlentscheidung." Ob Fehlentscheidung oder nicht: Der Fall von Lilian zeigt, wie empathielos die deutschen Behörden mitunter agieren.

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    Ecstasy: Die Pillenwarnungen zum dritten Juli-Wochenende

    Ecstasy: Die Pillenwarnungen zum dritten Juli-Wochenende


    Ecstasy-Pillen sollen kontaktfreudig machen. Manchmal ist der Kontakt allerdings ein Notarzt oder eine Notärztin. Fast zwei aus Hundert konsumierenden Briten wurden schon einmal nach dem Konsum ärztlich behandelt. Das gaben Teilnehmende bei der Global...

    Ecstasy-Pillen sollen kontaktfreudig machen. Manchmal ist der Kontakt allerdings ein Notarzt oder eine Notärztin. Fast zwei aus Hundert konsumierenden Briten wurden schon einmal nach dem Konsum ärztlich behandelt. Das gaben Teilnehmende bei der Global Drug Survey 2018 an, der weltweit größten Umfrage unter Menschen, die bereits Erfahrungen mit Drogen gemacht haben. In manchen Fällen hatten die zu Behandelnden keine Safer-Use-Regeln beachtet, in anderen wussten sie nicht, was in ihren Pillen steckt und waren an extrem hoch dosierte oder verunreinigte Pillen geraten. Drogentest, das sogenannte Drug Checking, hätten da Abhilfe schaffen können.

    In Großbritannien ist Drug Checking nur in wenigen Gemeinden und auf manchen Festivals möglich, in Deutschland ist es illegal. Deswegen haben wir die Drogenwarnungen aus unseren Nachbarländern und aus Großbritannien zusammengetragen. Getestet wurden die Pillen von der gemeinnützigen britischen Firma The Loop, dem niederländischen Trimbos Institut, "Checkit!" von der Suchthilfe Wien, der Innsbrucker Drogenarbeit Z6, dem Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich (DIZ) und der Drogeninfo Bern Plus (DIB+).

    Die folgenden Pillenwarnungen wurden in den letzten sieben Tagen veröffentlicht. Alle Warnungen seit Mai diesen Jahres – einschließlich der neuen – haben wir in einem Artikel zusammengefasst, der hier zu lesen ist und als Lesezeichen gesetzt werden kann. Jede Pille ist entweder hoch oder extrem hoch dosiert, oder sie enthält gar kein oder nicht nur MDMA. Wenn eine Pille nicht gelistet ist, heißt das nicht, dass sie rein und niedrig dosiert ist. Der Artikel enthält zudem eine Reihe sogenannter Safer-Use-Regeln, um unnötige Risiken und mögliche Schäden durch Ecstasy-Konsum zu reduzieren. Wir erklären dort auch, warum wir überhaupt Pillenwarnungen veröffentlichen.

    Die Seite pillen.sauberdrauf.com der bayrischen Drogenberatungsstelle mindzone und das Drug-Checking-Tool von saferparty.ch listen viele weitere und ältere Pillentests.

    Die Pillenwarnungen der dritten Juli-Woche 2018

    Grün-gelbe "Porsche"

    Pillenfotos: Checkit! | DIB+ | DIZ | Drogenarbeit Z6 | The Loop | Trimbos || Hintergründe, sofern nicht anders angegeben unter CC0

    Hellgrün oder grün-gelb ist die Pille, die das DIZ in Zürich Anfang Juli getestet hat. Sie enthielt die hohe Dosis von 157 Milligramm MDMA.

    Blaue "duplo" *LEBENSGEFAHR

    Am 7. Juli starb ein 15-jähriges Mädchen in Großbritannien, drei weitere Jugendliche landeten mit Vergiftungssymptomen im Krankenhaus. Alle vier sollen zuvor blaue Pillen mit der Aufschrift "duplo" genommen haben. Die britische Polizei hat bis heute nicht veröffentlicht, was die Pillen enthalten, die von Darknet-Shops als "reines MDMA" verkauft werden.

    Blaue "KTM"

    In Zürich wurde Anfang Juli eine blaue Pille mit dem Logo des Motorradherstellers getestet. Der Test ergab eine hohe Dosis von 148 Milligramm MDMA in der Tablette.

    Lilafarbene "FC Barcelona"

    Die Logos von Fußballclubs finden sich oft auf Ecstasy-Pillen, etwa das von Eintracht Frankfurt. Die lilafarbene "FC Barcelona" ist wohl die am weitesten verbreitete Pille dieser Art, Anfang Juli testete das DIZ eine solche Pille auf 135 Milligramm MDMA, doch es gilt besondere Vorsicht: Ähnlich aussehende Pillen mit gleicher Form, Farbe und Logo wurden in den letzten zwei Jahren mindestens 15 Mal getestet. Der MDMA-Gehalt lag dabei immer höher als beim aktuellen Ergebnis. Eine Pille wurde 2016 in Zürich auf 192 Milligramm MDMA getestet.

    Wenn du schon einmal ambulant behandelt werden musstest, nachdem du Drogen genommen hast, (oder Freunde von dir) und du mit VICE über deine Erfahrung sprechen möchtest, erreichst du unseren Redakteur Thomas Vorreyer per E-mail oder Twitter-DM.

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    Dagi Bees Hochzeitsvideo ist ein lebendig gewordenes Pinterest-Moodboard

    Dagi Bees Hochzeitsvideo ist ein lebendig gewordenes Pinterest-Moodboard


    Die meisten 23-Jährigen sind von Hochzeiten so weit entfernt wie von der Regelstudienzeit ihres Soziologie-Studiums. Selbst wenn jemand zwischen Tinder-Pfeifen und Social Anxiety Issues einen Menschen findet, für den es sich lohnt, die Qualen der...

    Die meisten 23-Jährigen sind von Hochzeiten so weit entfernt wie von der Regelstudienzeit ihres Soziologie-Studiums. Selbst wenn jemand zwischen Tinder-Pfeifen und Social Anxiety Issues einen Menschen findet, für den es sich lohnt, die Qualen der deutschen Bürokratie für eine Hochzeit auf sich zu nehmen, reicht das Geld in den meisten Fällen höchstens für eine Afterparty in der angemieteten Dorfkneipe. Dagi Bee, 3,8 Millionen Abos starke YouTube-Persönlichkeit, ist aber nicht wie andere 23-Jährige. Und das liegt nicht einmal ausschließlich daran, dass sie sich mit minutenlangen Haul- und Lifehack-Videos ein Imperium gebaut hat: Die Influencerin und Freundin von Bianca Heinicke (alias BibisBeautyPalace; alias die, die in einem Wald-Video ihre Schwangerschaft verkündet hat) hat Ende Juni ihren Freund Eugen auf Ibiza geheiratet – und Deutschland mit dem dazugehörigen Hochzeitsvideo die wohl kitschigste Trauung seit Sarah Connor und Marc Terenzi präsentiert.

    Das graue Pomeranian-Hündchen im Tütü, die "Mr."- und "Mrs."-Holzschilder an den Rückenlehnen der Brautpaar-Stühle, der kerzenlose Kronleuchter, der an einem Pavillon am Pool zwischen weißen Rosen und weißen Vorhängen nutzlos in der Sonne glitzert – alles an Dagi Bees Hochzeit sieht aus, als habe jemand das romantische Pinterest-Moodboard einer Hochzeits-Fanatikerin ausgedruckt und auf das Grundstück einer spanischen Finca in bester Lage gepackt.

    Zugegeben: Es ist ein wirklich schönes Setting, das Dagi Bee und Eugen uns und circa 1,4 Millionen anderen Zuschauenden am Mittwoch in der neunminütigen Slow-Motion-Dokumentation ihres großen Tages präsentiert haben. Würde der Autorin dieses Artikels jemand eine so perfekt inszenierte Hochzeit (und ausreichend alkoholische Getränke dazu) spendieren, würde sie dankend annehmen. Für die meisten ist eine solche Feier aber so fern wie ihre Instagram-Accounts von der Zehntausend-Follower-Marke.

    Am Ende des Videos laufen sie Hand in Hand Richtung Sonnenuntergang

    Eine Journalistin erklärte den Erfolg von Dagi Bee einmal damit, dass diese sich in ihren Videos "ungefährlich aufgekratzt" präsentiere. Wenn die Augenbrauen-Tutorials schon aufgekratzt waren, muss das Hochzeitsvideo allerdings ein Emotions-Ausbruch epischen Ausmaßes sein.

    Selbst als ein Großteil der Gäste – die man übrigens alle irgendwie schon mal dabei beobachtet hat, wie sie sich vor einer Kamera Highlighter auf die Wangenknochen stäuben – nach der Zeremonie weinend das Brautpaar am Pool empfängt, wirkt es, als seien die Emotionen Teil der YouTube-Dramatik. Die Tische ziert Tumblr-Deko (komplett in Weiß), Lamiya Slimani fängt den Brautstrauß auf. Am Ende des Videos werfen sich einige der Eingeladenen mit ihren weißen Klamotten in den Pool und tanzen, als wären sie am Set eines Cro-Musikvideos.

    Doch auch, wenn die Rede des Zeremonienmeisters unter den Akustik-Riffs kaum hörbar ist und der grüne Karton der Sofortbildkamera-Filme beim anschließenden Empfang verdächtig auffällig in der All-white-Deko platziert wurde: Wenn Eugen in den letzten Szenen des Videos seiner Frau verliebt (und womöglich etwas angetrunken) die Hand entgegenhält und sich die beiden selig lächelnd in Richtung Sonnenuntergang laufen, bleibt kein Zweifel daran, dass das alles durchaus Liebe ist. Und wahrscheinlich zupfen sie sich, wenn die Kamera aus ist, sogar gegenseitig Chipskrümel aus den Mundwinkeln und furzen unter der Satin-Bettdecke.

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    Dieser Typ hat wissenschaftlich untersucht, was deutsche HipHopper über die Polizei rappen

    Dieser Typ hat wissenschaftlich untersucht, was deutsche HipHopper über die Polizei rappen


    "Du bist Räuber? Polizei ist Gendarm!" – mit der Formel hat Jan Böhmermann aka Pol1z1stens0hn in seinem Satire-Track "Ich hab Polizei" das Verhältnis der meisten deutschen Gangster-Rapper zur Polizei ganz gut auf den Punkt gebracht. Denn auch wenn...

    "Du bist Räuber? Polizei ist Gendarm!" – mit der Formel hat Jan Böhmermann aka Pol1z1stens0hn in seinem Satire-Track "Ich hab Polizei" das Verhältnis der meisten deutschen Gangster-Rapper zur Polizei ganz gut auf den Punkt gebracht.

    Denn auch wenn sie es nie zugeben würden – Rapper brauchen die Polizei viel mehr, als sie je zugeben würden. "In jedem Krimi braucht der Protagonist einen Antagonisten, und das ist im Rap eben oft die Polizei", sagt Christian Wickert. Er muss es wissen, er hat das nämlich studiert.

    Wickert ist Professor für Kriminologie an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW – und unterrichtet dort vor allem auch angehende Polizistinnen und Polizisten. Irgendwann fing er an, sich für das Thema "Polizei im Deutschrap" zu interessieren. Also lud er sich die Songtexte von 3.363 Liedern aus den HipHop-Charts aus fast zwei Jahren (2015/16) herunter und durchforstete sie nach Erwähnungen der Polizei. Dabei hat er zuerst herausgefunden, dass die Polizei ziemlich oft auftaucht – dazu aber noch eine ganze Menge mehr.

    Christian Wickert | Foto: privat

    VICE: Hören Sie selbst Rap?
    Christian Wickert: Ja, aber eher so aus den 90ern, muss ich zugeben. Das von heute ist nicht mehr so meine Musik.

    Sie haben sich durch Tausende deutsche Rap-Lieder gewühlt. Was haben Sie herausgefunden?
    Ich war überrascht, wie häufig die Polizei in deutschen Rap-Texten auftaucht. Das hat sicher damit zu tun, dass Gangster-Rap mittlerweile so beliebt ist, aber auch andere Rapper erwähnen oft die Polizei. Außerdem sieht man, dass Polizisten meistens als "Bullen" auftauchen. Damit ist ziemlich klar, dass die Polizei meist negativ gesehen wird.

    Macht es Ihre Polizeischülerinnen traurig, dass sie im Rap immer so schlecht wegkommen?
    Ich glaube, wenn man sich auf den Job einlässt, dann ist klar, dass man nicht jedermanns Freund ist. Den Spruch "Kein Mensch muss Bulle werden", den kennen Polizisten ja auch. Ich habe zu dem Thema auch schon auf Polizeikonferenzen gesprochen und dort die härtesten Texte vor Polizisten vorgespielt. Klar gibt es immer ein, zwei, die empört sind, aber das sind eher die älteren Semester, die das zum ersten Mal hören. Die Jüngeren können auch ganz gut einordnen, was Show und was Ernst ist. Die sind nicht immer gleich beleidigt.

    Angeblich auch ein Rapper: Lil Skies

    Warum ist die Polizei für Rapper so wichtig?
    Das hat wie gesagt mit dem Gangster-Rap zu tun. Ist ja auch klar: In jedem Krimi braucht der Protagonist einen Antagonisten, und das ist im Rap eben oft die Polizei. Das ist wichtig, um die eigene Authentizität hervorzuheben. Um zu sagen: Ich bin wirklich ein Gangster, ich habe viel mit der Polizei zu tun.

    Ah verfickt ist die Lage, wenn Blaulicht dich jagt
    Das gehört dazu, wenn du Tausender machst
    Berufsrisiko, Tijara, Weed und Koks
    Auf der Straße geht es um Gewinnmaximierung
    Party am Block – Blaulicht
    Ghettoblock Disco, tanzen mit der Kripo, trau dich Blaulicht
    Auf der Straße leuchtet alles in Blaulicht

    Hanybal, "Blaulicht 2"

    Manchmal wird sie auch herangezogen, um zu beweisen, wie gefährlich ein Ort ist. Nach dem Motto "Ich komme aus Tempelhof, hier hängen die harten Kerle rum, hier ist jeden Abend Blaulicht".

    Und dann gibt es noch eine stärkere Stufe, wo die staatliche Autorität in Zweifel gezogen wird. Alles, was so in Richtung arabische Großfamilien und Clan-Kriminalität geht: Man untermauert die eigene Stärke und Männlichkeit dadurch, dass man auf eine Gang zurückgreifen kann, die einem den Rücken stärkt. Und die nimmt das Recht in ihre eigene Hand, die Polizei hat da nichts zu suchen.

    Kann man eigentlich an der Art und Weise, wie ein Rapper über die Polizei spricht, erkennen, ob er wirklich schon was mit ihr zu tun hatte?
    Klar wirkt ein Gzuz jetzt authentischer als ein Cro. Und dann gibt es Leute wie Fler, die ihr Vorstrafenregister auf Facebook posten, wie eine Art Hilfeschrei um Authentizität. So richtige HipHop-Heads können das sicher auch innerhalb der Gangster-Rapper beurteilen.

    "Keine Liebe für die 110 / Nie wieder Knien für die 110 / Nie wieder Fliehn vor der 110 / Zünd' das Benzin an für die 110" – Takt32, "110"

    Ich selbst finde es schwierig – aber ich glaube, dass es letztendlich auch egal ist. Wenn die Erzählung authentisch wirkt, dann reicht das, ohne dass ich als Hörer weiß, wie viel Wahrheit dahintersteckt. Es gibt ja auch in Amerika Beispiele wie Rick Ross, der sich nach einem Crackdealer benannt hat, bei dem dann aber herauskam, dass er Kriminologie studiert und als Vollzugsbeamter im Knast gearbeitet hat. Das hat seiner Popularität letztendlich aber nicht geschadet, weil er weiß, wie er sich als Gangster präsentieren muss.

    War das Lied "CopKKKilla" von Haftbefehl außergewöhnlich, weil es so direkt und aggressiv gegen die Polizei gerichtet war?
    Das ist tatsächlich eines meiner Lieblingsbeispiele, weil es auf so vielen Ebenen funktioniert. Ich kann es einfach als Lied von Haftbefehl hören. Aber ich kann es auch als Referenz auf die amerikanische Diskussion verstehen: Allein mit dem Albumcover fasst Haftbefehl ja das berühmte Cover von Boogie Down Productions für ihr Album "By All Means Necessary" auf – und das war wiederum ein Rückgriff auf ein berühmtes Foto von Malcolm X, der kurz vor seinem Tod mit einem Maschinengewehr am Fenster fotografiert wurde.

    Aber nimmt sich Haftbefehl da nicht ein bisschen viel heraus, sein Lied in eine Tradition mit Malcolm X zu stellen? Sind die Erfahrungen wirklich vergleichbar?
    Natürlich kann Haftbefehl sich nicht mit Malcolm X und seine Jugend nicht mit dem Los Angeles der 80er und 90er vergleichen. Auf der anderen Seite kann ich von meinem Bürostuhl jetzt auch nicht beurteilen, was Haftbefehl als junger Türke in Frankfurt bei Polizeikontrollen wirklich erlebt hat.

    Zu oft wurden wir unterdrückt und vom Schäferhund gebissen
    Schon als Jugendlicher schlugen sie in mein Gesicht
    Handschellen häng' an unser'n Handgelenken, Blutergüsse
    Und sie prügeln auf uns ein mit dem Knüppel
    Tritte in die Rippen, Pfefferspray 100 Milliliter
    Vor den Augen von den Zivilisten mitten in der City
    Bleihandschuhe als Verhütungsmittel für die Faust
    Uns're Knochen sind geprellt, beide Augen blau

    Haftbefehl, "CopKKKilla"

    Man sieht auf jeden Fall, wie geschickt er im Text immer wieder von der persönlichen Erzählung auf einmal auf ein 'Wir' übergeht. Er stellt damit seine eigenen Ungerechtigkeitserfahrungen in den Kontext einer größeren Erfahrung. Deutsche HipHop-Texte sind ja auch Teil eines globalen Diskurses. Deshalb spielt es keine Rolle, ob ich einen Liedtext über Polizeiübergriffe in London, Paris oder New York höre – die werden alle zum Bestandteil einer großen Erzählung: die böse Polizei gegen die armen Jugendlichen. Da ist es dann zweitrangig, ob man nachweisen kann, ob ein Haftbefehl wirklich von der Polizei zu Unrecht geschlagen wurde. Das ist für ihn relevant, aber für den Hörer nicht.

    Glauben Sie, dass das die Hörer und Hörerinnen beeinflußt?
    Ja, denn das Ansehen der Polizei wird ja ganz maßgeblich medial geprägt: Wenn man sich überlegt, wie viele Polizeikontakte der normale Bundesbürger hat, dann sind das vielleicht drei oder vier im Leben. Sehr viel mehr erfährt er über Polizisten aus dem Tatort, aus Doku-Soaps – und vielleicht auch durch HipHop-Texte. Und wenn ich da ausschließlich negative Sachen höre, hat das auch Auswirkungen. Die Polizei ist ja ein Rollenträger. Das heißt, man sieht die Leute nicht als Individuen, sondern nur über ihre Funktion. Das spiegelt sich auch in HipHop-Texten wider: Das Fehlverhalten einzelner Polizisten wird sofort generalisiert. Und da diese Rapper sehr große Reichweiten haben, hat die deutsche Polizei da möglicherweise ein Problem.

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    "Wenn Kinder sterben, ist das wie ein Fehler im System"


    Leo Ritz weiß, wer sie waschen und anziehen wird, wenn sie tot ist und wo sie begraben liegen will. Sie weiß, welche Songs auf ihrer Trauerfeier laufen werden, die Playlist hat sie bei Spotify gespeichert und auf dem Handy immer dabei. Neil Young steht...

    Leo Ritz weiß, wer sie waschen und anziehen wird, wenn sie tot ist und wo sie begraben liegen will. Sie weiß, welche Songs auf ihrer Trauerfeier laufen werden, die Playlist hat sie bei Spotify gespeichert und auf dem Handy immer dabei. Neil Young steht da unter Roxy Music, Against Me! mit "Baby, I’m an Anarchist!" ist drauf und "Bohemian Rhapsody" von Queen.

    Dass sie das alles weiß, nimmt ihr die Angst vor dem Tod.

    Leo Ritz ist 31 und Bestatterin. Sie wäscht, schminkt, präpariert tote Menschen. Die meisten sind nicht viel älter als sie selbst, einige sind Kinder. Wenn Ritz heute durch Berlin fährt, erinnern sie Orte nicht mehr nur an die Partys, die sie dort erlebt hat. "Über der Stadt liegt ein Grauschleier vom Tod", sagt sie. Die Orte erinnern sie auch daran, wo sie einen Verstorbenen abgeholt und trauernde Familien getröstet hat. Nie werde sie auch nur einen vergessen, sagt sie.

    Leo Ritz zeigt Kindern mit Lego-Figuren, was bei einer Beisetzung passiert

    Begegnet man Ritz auf dem Friedhof, ist sie Kontrast: blonder Micro Fringe, helle Bluse, Springerstiefel, unter der Kleidung lugt viel Tinte hervor. Spricht sie über den Tod, klingt sie wie eine weise, alte Frau.

    Mit dem Tod arbeitet sie seit knapp vier Jahren, vorher studierte sie Fotografie in Brighton, jobbte später für verschiedene Agenturen in Berlin. Ritz aber wollte mir ihrer Arbeit menschlich etwas bewegen, sagt sie, überlegte, erst Soziale Arbeit zu studieren, und kündigte schließlich ihren Job. Über Ecken lernte sie den Musiker und Bestatter Eric Wrede kennen und machte wie er eine Fortbildung im Kinderhospiz. Dort begegnete sie zum ersten Mal dem Tod in ihrem Leben, erlebte das Leid mit, was ihm vorauseilt. Gemeinsam mit Wrede gründete sie 2014 das Bestattungsunternehmen lebensnah. Ritz versucht, die Leere zu füllen, die der Tod bei Hinterbliebenen hinterlässt, und nimmt ihnen den lästigen Papierkram ab. Sie weint mit, lacht mit, trinkt mit. Oder beobachtet die letzte Reise aus der Distanz und souffliert die Angehörigen, wenn sie Hilfe brauchen. Hier beschreibt sie, wie es ist, Kinder zu bestatten und mit ihnen über den Tod zu sprechen:

    "Wenn verstorbene Kinder vor mir liegen und die Eltern nicht dabei sind, spreche ich mit ihnen. Auch wenn es am Ende nur ein toter Körper ist, fühlt es sich anders an. Das Reden macht die Situation ein bisschen leichter. Ich bin in diesem Moment verantwortlich für sie, schließlich sind sie ohne Mama und Papa bei mir.

    Auch bei VICE: Fake-Beerdigungen in Südkorea

    Wenn ein Kind stirbt, ist das wie ein Fehler im System. Rational gesehen ist es natürlich normal: Auch Kindern passieren Unfälle, auch Kinder leiden unter Krankheiten. Trotzdem ist es schwerer für mich, ihren Tod zu begreifen. Es ist, als fehle ein Baustein im Gehirn, der mir sagt: Das ist in Ordnung, so wie es ist.

    Ich biete an, die Sterbenden – wenn das möglich ist – kurz vor dem Tod kennenzulernen, besuche sie im Hospiz. Vielleicht ist es für sie einfacher, den Tod zu akzeptieren, wenn sie wissen, in wessen Hände sie kommen. Mir hilft dieses Wissen, die Sicherheit. Ich weiß, wer mich waschen, anfassen, anziehen wird, vor wem ich nackt auf dem Tisch liege, wenn ich plötzlich sterben sollte. Es macht es für mich einfacher zu wissen, wer meinen leblosen Körper auf seinem letzten Weg begleitet.

    Die Menschen vor ihrem Tod kennenzulernen, fällt mir ehrlich gesagt nicht leicht. Mich macht das etwas nervös, gerade bei sehr jungen Menschen und Kindern, denke ich oft: Oh man, ist das unfair. Die Fortbildung im Kinderhospiz hat mir mehr Sicherheit gegeben. Ich habe dort auch gelernt, wie Kinder um andere trauern. Vorher hatte ich Angst, mit Kindern über den Tod und das Sterben zu sprechen, jetzt weiß ich: Ich muss da nichts verschweigen. Doch es gibt viel Unwissen in der Gesellschaft darüber, wie Kinder trauern.

    "Mit Kindern sollte man offen über den Tod sprechen", sagt Ritz

    Wenn die Eltern eines Kindes sterben, muss man dafür eine ganz klare Sprache finden. Da gibt es viele Missverständnisse. Statt 'Papa ist eingeschlafen' oder 'Deine Schwester ist im Himmel', sollte man einfach sagen, dass jemand tot ist. Mit etwa elf Jahren verstehen Kinder, was Sterben bedeutet. Vorher lernen sie das erst mit dem Alltag: Mama kommt wirklich nicht zurück. Sie suchen dann einen Weg, das zu verarbeiten, und sei es, weil ihnen erklärt wurde, dass Papa ja wieder heiraten kann, und ihnen das hilft.

    Viele Menschen fragen sich: Kann ich mit einem Sechsjährigen zu seinem toten Vater gehen oder wird ihn das dann für immer verfolgen? Oder wird er danach Albträume haben?

    Mit einem Mädchen saß ich im Krematorium, als ihre Mutter verbrannt wurde. Sie fand das spannend, sie war das einzige Kind, also habe ich mich neben sie auf den Boden gehockt, während der Vater getrauert hat. Die Fünfjährige hat ihre Urne bunt bemalt und konnte es nicht abwarten, bis Mamas Asche in ihrem Kunstwerk ist.

    Ritz lässt die Urnen von den Kindern bemalen, um den Tod eines Angehörigen zu verarbeiten

    Ich bringe zu Beerdigungen, bei denen Kinder dabei sind, immer viele bunte Kerzen mit, dann schmücken wir den Raum zusammen. Wenn wir den Raum zum ersten Mal betreten, in dem das verstorbene Familienmitglied aufgebart wurde, ist das Kind meist einen Moment lang irritiert. Ein kleiner Junge sagte vor Kurzem: Der Papa ist doch gar nicht tot, der schläft doch nur. Dann bin ich mit ihm zu seinem verstorbenen Vater gegangen und habe erklärt, dass sich der Mensch jetzt, wo er tot ist, anders anfühlt, ganz kalt ist. Erst nachdem er laut ausgesprochen hatte: 'Stimmt, der Papa ist tot', konnte er das auch verinnerlichen. Wenn das Kind das verstanden hat, gehen wir zurück zu den Kerzen. Man darf die Toten nicht vor den Kindern verstecken, sollte ihnen aber eine Beschäftigung geben.

    Kinder trauern auf ihre Art. Manche haben Angst vor der Situation und verstecken sich hinter dem anderen Elternteil. Aber es gibt auch Kinder, die eine Bestattung und die Zeremonie total spannend finden. Ich zeige ihnen das Sarglager, den Kühlraum und das Krematorium, nicht nur den Raum der Anteilnahme. Es hilft tatsächlich, Eltern und Kinder in dieser Situation voneinander zu trennen, den Kindern ihren Raum zu geben, damit sie sich nicht nur nach den Eltern richten und denken: Ich muss jetzt traurig sein, weil meine Mutter weint. Das Emotionale kommt bei Kindern erst später, wenn sie fühlen und durch den Alltag merken, dass jemand tatsächlich nicht zurückkommt.

    Ich liebe diesen Beruf, aber es gibt auch Tage, an denen ich unfassbar traurig bin. Jede Begegnung mit Familien und Verstorbenen ist anders, ich lasse mich jedes Mal emotional tief auf eine neue, persönliche Geschichte ein. Deswegen wird der Umgang mit dem Tod auch nicht leichter. Er wird vielleicht routinierter, weil ich meinen Rahmen kenne und weiß, wo ich mich entlanghangeln kann, wie der Weg in etwa aussieht. Aber der emotionale Part wird nicht einfacher. Und das ist auch gut so. Man würde merken, wenn ich irgendwann abgebrühter wäre. Natürlich darf man auf einer Beerdigung auch lachen, aber eine falsche Fröhlichkeit ist fehl am Platz.

    "Ich gehe durch meinen Beruf bewusster mit dem Tod", sagt Bestatterin Ritz

    Das Vertrauen, was mir die Leute schenken, wenn sie einen toten Menschen in meine Hände geben, hat mich sehr selbstsicher gemacht. Ich gehe durch meinen Beruf bewusster mit dem Tod um und nehme auch mein eigenes Leben und dessen Endlichkeit bewusster wahr. Vor allem, wenn ein Mensch im gleichen Alter vor mir liegt. Das macht den eigenen Tod weniger abstrakt, zeigt mir ganz deutlich und unbestreitbar, dass auch junge Menschen sterben können.

    Ich mag, dass bei mir das Ende passiert. Ich kümmere mich darum, wenn das Leben vorbei ist. Bei mir ist der kalte Körper, er liegt friedlich vor mir. Wenn ich Verstorbene wasche und anziehe, dann mit dem Gefühl ehrlicher Fürsorge. Mit der gleichen Fürsorge will auch ich verabschiedet werden."

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    So sieht es aus, wenn eine Kellnerin ein grapschendes Arschloch niedermäht

    So sieht es aus, wenn eine Kellnerin ein grapschendes Arschloch niedermäht


    Millionen Cis-Frauen, Transgender-Frauen und Nicht-binäre-Menschen haben täglich mit verbalen und körperlichen sexuellen Übergriffen zu kämpfen. So gerne man in solchen Situation auch die innere Jessica Jones rauslassen und die Belästiger...

    Millionen Cis-Frauen, Transgender-Frauen und Nicht-binäre-Menschen haben täglich mit verbalen und körperlichen sexuellen Übergriffen zu kämpfen. So gerne man in solchen Situation auch die innere Jessica Jones rauslassen und die Belästiger ungespitzt in den Boden rammen würde, meist gibt man dann doch lieber kein Kontra. Sich zu wehren, ist eben keine Option, wenn dadurch die eigene Sicherheit gefährdet wird. Und leider werden solche Übergriffe von unserer Gesellschaft auch weiterhin weitläufig ignoriert.

    Vergangenen Monat gab es in Savannah, einer Küstenstadt im US-Bundesstaat Georgia, aber endlich mal Gerechtigkeit. Ein Mann aus Florida wurde dort verhaftet, weil er eine Kellnerin am Hintern begrapscht hatte. Zuvor teilte die 21-jährige Emelia Holden aber selbst erstmal ordentlich aus: In einem bei Reddit geposteten Video ist zu sehen, wie sie den Typen direkt nach dem Übergriff am Kragen packt und dann gegen einen Mülleimer wirft.

    "Ich habe nicht nachgedacht, sondern einfach nur reagiert", sagte Holden gegenüber der Zeitschrift PEOPLE. "Ich weiß gar nicht, warum ich gerade so reagiert habe, denn das habe ich noch nie getan."

    Viele Reddit-User zeigten ihre Unterstützung für Holden. Der Kommentar "So she's a server ... of justice" – "Sie hat ihm eine Portion Gerechtigkeit serviert" – bekam besonders viel Zuspruch. Nachdem der Belästiger zu Boden gebracht war, hatte die Kellnerin noch eine eindeutige Botschaft für ihn: "Ich schaute ihn an und meinte: 'Fass mich nicht an, du Arschloch!'", sagte Holden gegenüber PEOPLE.

    Wie Buzzfeed News berichtet, wurde der 31-jährige Ryan C. am 30. Juni verhaftet und wegen des sexuellen Übergriffs angeklagt. Wenige Tage später hat man ihn auf Kaution allerdings wieder freigelassen. Die Festnahme selbst ist aber schon mal ein wichtiger Sieg. Dank der Aufnahmen der Überwachungskamera konnte sich Holden erklären und sicherstellen, dass sich die Behörden dem Fall annehmen.

    Auch bei VICE: Rose McGowan über Sexismus in Hollywood

    "Der Typ hat behauptet, dass ich ihm im Weg gestanden hätte und er mich ja nur ganz leicht berührt habe. Als die Polizisten das Video sahen, nahmen sie ihn sofort fest. Es bestand kein Zweifel daran, dass er mich absichtlich begrapscht hat", erzählte Holden weiter.

    "Ich bin froh, dass andere Frauen durch das Video sehen, dass sie sich wehren können."

    In einer Welt, in der sexuelle Belästigung quasi auf der Tagesordnung steht, fühlt es sich – nicht nur für Holden – wie eine richtige Genugtuung an, wenn Männer wie C. endlich mal die Konsequenzen ihrer Taten zu spüren bekommen. Und weil das Video und die Geschichte dahinter viral gegangen sind, überlegen es sich ein paar übergriffige Männer vielleicht von nun an genauer, ob ihr ekelhaftes Verhalten es wirklich wert ist, mit den Behörden aneinander zu geraten.

    "Ich bin froh, dass andere Frauen durch das Video sehen, dass sie sich wehren können", sagte Holden. "Wir können anziehen, was wir wollen, ohne direkt befürchten zu müssen, deswegen begrapscht zu werden."

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    Die PARTEI liegt bei 4 Prozent und Martin Sonneborn kann es selbst nicht glauben

    Die PARTEI liegt bei 4 Prozent und Martin Sonneborn kann es selbst nicht glauben


    Sie haben wirklich alles versucht, um ihn loszuwerden: Martin Sonneborn ist der Großen Koalition so sehr auf die Nerven gegangen, dass sie sogar die Regeln der EU umschreiben wollten, damit er es bei den nächsten Wahlen 2019 ja nicht wieder ins...

    Sie haben wirklich alles versucht, um ihn loszuwerden: Martin Sonneborn ist der Großen Koalition so sehr auf die Nerven gegangen, dass sie sogar die Regeln der EU umschreiben wollten, damit er es bei den nächsten Wahlen 2019 ja nicht wieder ins Europa-Parlament schafft.

    Im Juni ist das endlich gelungen: Vor allem auf deutschen Druck hin hat der Europäische Rat eine Sperrhürde für die Europawahl eingeführt, die aber nur für Deutschland und Spanien gilt. Die beiden Länder können Sperrhürden von zwei bis fünf Prozent einführen – und das Leben für kleine Parteien wie die Freien Wähler, die Piraten oder die NPD damit deutlich schwerer machen.

    Aber vielleicht nicht mehr für Martin Sonneborn.

    Denn am Mittwoch hat das Institut INSA eine neue Umfrage für die Berliner Abgeordnetenhauswahl veröffentlicht, in der dessen Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI) völlig überraschend bei satten 4 Prozent gelandet ist:

    Klar, die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist nicht die Europawahl. Und vor allem: In Berlin gibt es ohnehin eine Sperrhürde von fünf Prozent, die sind damit noch nicht ganz erreicht. Aber der INSA-Chef Hermann Binkert selbst sieht hier eine Chance für die PARTEI: Ihm zufolge könne die Satire-Truppe sich jetzt "Hoffnungen machen", die Fünf-Prozent-Sperrhürde bei der nächsten Berlin-Wahl zu überspringen. Und das könnte dann wiederum eine Signalwirkung auf alle Wahlen danach haben.

    Noch ein bisschen schlimmer als die PARTEI: Die Rechten in Europa

    Die Berlin-Wahl ist allerdings erst 2021, die Europawahl schon in zehn Monaten, am 26. Mai 2019. Ob die Signalwirkung dieser Umfrage für die EU-Wahl ausreicht, weiß natürlich niemand. Allerdings könnte es auch sein, dass die PARTEI da auch noch keine fünf Prozent braucht: Es ist noch nicht ganz klar, ob die deutsche Regierung sich wirklich traut, die Fünf-Prozent-Hürde, die ja erst letzten Monat vom EU-Rat beschlossen wurde, gleich für nächstes Jahr durchzuboxen. Das ist so kurzfristig, dass die Regierung Ärger sowohl mit dem Bundesverfassungsgericht als auch mit der EU-Kommission kriegen könnte.

    PARTEI-Chef Sonneborn selbst ist vom Ergebnis der Umfrage übrigens kein bisschen beeindruckt. "Ich glaube übrigens gar keiner Umfrage", sagte er gegenüber Telepolis. "Ich habe nämlich im Studium für ein Meinungsforschungsinstitut gearbeitet, und wir haben immer gemogelt wie die Teufel." Und selbst wenn er die Zahl für bare Münze nehmen würde, wäre er immer noch nicht zufrieden damit: "Das Ergebnis ist natürlich eine Demütigung für uns, weil wir immer noch 13 Prozentpunkte hinter der SPD liegen."

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    Fünf Dinge, die uns die besten Fotos des Jahres über unsere Welt erzählen

    Fünf Dinge, die uns die besten Fotos des Jahres über unsere Welt erzählen


    Es ist ganz schön deprimierend, die besten Presse-Fotos eines großen Wettbewerbs zu betrachten. Eine Witwe heult, weil ihr Mann im Krieg von einer Granate zerfetzt wurde. Ein Hund schleppt sich ausgehungert durch verdorrte Felder. Ein Junge treibt...

    Es ist ganz schön deprimierend, die besten Presse-Fotos eines großen Wettbewerbs zu betrachten. Eine Witwe heult, weil ihr Mann im Krieg von einer Granate zerfetzt wurde. Ein Hund schleppt sich ausgehungert durch verdorrte Felder. Ein Junge treibt einsam einen platten Fußball über eine Schotterpiste. Solche Bilder entstehen jedes Jahr, denn irgendwo schlägt immer die nächste Bombe ein – Krisen und Kriege kommen und gehen wie Jahreszeiten. Die Auswahl der besten Pressefotos des Jahres zeigen ein Abbild des Zustands unseres Planeten, als würde er sich unter einem Brennglas winden.

    Vielleicht hilft dem Betrachter ja alleine die Ästhetik der Bilder, um nicht abzustumpfen und immer neue Gefühlsregungen in sich zu finden, so wie die Fotografen auch immer neue Zugänge zu Themen finden, selbst wenn diese auserzählt scheinen.

    Etwa 320.000 Fotos wurden bei den diesjährigen Sony World Photography Awards 2018 eingereicht, was den Wettbewerb zum größten seiner Art macht. Gerade die Profi-Kategorie zeigt, wo die Welt sich etwas anders dreht als aus der westlich-urban-hedonistischen Blase heraus gedacht. Fünf Erkenntnisse über die Welt, auf die einen die Bilder bringen:

    Fredrik Lerneryd | 2018 Sony World Photography Awards 1. DIE WELT SIEHT NICHT ÜBERALL GLEICH AUS

    Vor allem, wenn der Weltblick durch die Facebook- oder Instagram-Brille erfolgt, scheint die Welt zusammenzurücken. Zumindest sehen die Urlaubsfotos der eigenen Freunde immer ähnlich aus – ob sie nun auf Hawaii schnorcheln oder auf Madagaskar Kokosnüsse daran hindern, weiterhin entspannt an Bäumen herumzuhängen. Das Meer leuchtet türkis, die Cocktails fruchtfarben und die unvermeidliche Palme ragt gut abgehängt in den Bildhintergrund.

    Wie anders die Welt aussehen kann, zeigt beispielsweise Fredrik Lerneryd, der Mädchen und Jungs im kenianischen Mega-Slum Kibera beim Ballett-Unterricht fotografiert hat. Alleine das karge wie portioniert wirkende Licht demonstriert die besonderen Lebensumstände in einem Slum, in dem mehrere hunderttausend Menschen leben.

    Noch weiter weg von der Lebensrealität im Westen wirken die Aufnahmen der Rohingya, die unter den miesesten vorstellbaren Bedingungen von Myanmar nach Bangladesch fliehen mussten.

    Mohd Samsul Mohd Said | 2018 Sony World Photography Awards

    Oder dieses Foto, das palästinensische Arbeiter zeigt, die jeden Tag zwei bis zu vier Stunden für Sicherheitskontrollen einplanen müssen, um zu ihrem Arbeitsplatz nach Israel zu gelangen. So sieht es aus, wenn in einer Region das Gegenteil einer globalisierten Wirtschaft existiert, in der Waren und Menschen ungehindert Grenzen überwinden.

    Eduardo Castaldo | 2018 Sony World Photography Awards

    Und schließlich zeigen manche der Fotos auch einfach, wie krass sich Lebensrealitäten voneinander unterscheiden. In Afghanistan, wo auch von der Bundeswehr "die Freiheit Deutschlands am Hindukusch" verteidigt wird, wie der damalige Verteidigungsminister Peter Struck mal so prägnant gesagt hat, sieht diese Freiheit sehr anders aus. Männer lassen bei ihrem Nationalsport Buzkaschi die Ziege raus. Der Körper des toten Tieres ersetzt den Ball. Wer ihn zuerst dem Preisrichter übergibt oder ins Netz trägt, gewinnt.

    Balazs Gardi | 2018 Sony World Photography Awards

    Und das bringt uns schon zu Punkt 2.

    2. SPORT IST SO VIEL MEHR ALS FUSSBALL

    OK, das sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber in einem Fußball-WM-Jahr ist es das eben nicht. Die Weltmeisterschaft wirkt wie ein wild gewordener Staubsauger, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wobei die Buzkaschi-Berichterstattung in Deutschland ohnehin als ausbaufähig gilt.

    Und sowieso gibt es außer dem Profisport ja noch den Blut-und-Tränen-Sport der Amateure. Dieser Junge aus Afghanistan hat sogar seiner Skier selbst geschnitzt.

    Andrew Quilty | 2018 Sony World Photography Awards

    Und diese Baseball-Spieler in Italien haben zwar eine maschinell gefertigte Ausrüstung. Trotzdem unterscheidet sie etwas fundamental von Profi-Sportlern: Sie sind blind.

    Matteo Armellini | 2018 Sony World Photography Awards 3. KRIEG UND FRIEDEN SEHEN SICH MANCHMAL ÄHNLICH

    Es gibt auch jetzt viele Kriege, in denen täglich Menschen sterben. Und trotzdem existieren überall auf der Welt auch Bräuche, die mehr oder weniger subtil an Krieg erinnern. Dieser hier, aus der spanischen Stadt Ibi, der "Mehl-Krieg", findet seit 200 Jahren statt, immer am 28. Dezember.

    Antonio Gibotta | 2018 Sony World Photography Awards

    Wobei bei einem Blick auf ein richtiges Kriegsfoto der Unterschied schon schnell klar wird. Die Aufnahme stammt aus der irakischen Großstadt Mossul, die von Regierungstruppen nach heftigen Kämpfen vom IS zurückerobert wurde.

    Rasmus Flindt Pedersen| 2018 Sony World Photography Awards 4. DER MENSCH VERSAUT DIE NATUR NOCH KRASSER, ALS ES UNS BEWUSST IST

    Das ist jetzt keine allzu taufrische Erkenntnis, aber erst die Wucht mancher Fotos lässt einen verstehen, wie weit der Mensch eingreift. Manchmal entsteht dabei eine durchaus ästhetisch ansprechende Verschandelung, wie hier in den italienischen Alpen, wo schon seit der Antike Marmor aus dem Berg gefräst wird. Michelangelo himself soll diesen Marmor benutzt haben. Kein Wunder also, dass die Landschaft hier komplett verändert wurde.

    Luca Locatelli | 2018 Sony World Photography Awards

    Bei dieser Aufnahme aus Kasachstan war wohl das Tourismusbüro verantwortlich. Vielleicht ist dieses Poster also als Mahnung zu verstehen: Bald wird "echte" Natur nur noch auf Plastikfolie zu sehen sein, wenn wir nicht aufpassen.

    Tomasz Padło | 2018 Sony World Photography Awards

    Ein Spiel um das Sichtbare und das Unsichtbare betreibt das folgende Foto, entstanden in der Region Fukushima, wo 2011 mehrere Kernschmelzen eine ganze Region atomar verstrahlten.

    Florian Ruiz | 2018 Sony World Photography Awards

    Vielleicht ist es angesichts so vieler menschengemachter Katastrophen nicht verwunderlich, dass so viele Menschen sich wieder ins Religiöse stürzen.

    5. DIE RELIGION IST ZURÜCK

    Jahrelang hieß es, dass die traditionellen christlichen Glaubensrichtungen an Bedeutung verlieren. Das trifft auf viele urbane Gesellschaftsschichten auch zu. Aber vor allem in der Peripherie kommt der Glaube zurück. Oder er war nie weg.

    Mit dieser Thematik beschäftigt sich Alys Tomlinson aus Großbritannien. Sie wurde zur Fotografin des Jahres gewählt. Für ihre Serie Ex-Voto hat Tomlinson christliche Pilger abgelichtet.

    Alys Tomlinson | 2018 Sony World Photography Awards

    Was für ein Gesamtbild von der Welt ergibt sich also, wenn man die besten Fotos des Jahres betrachtet? Die Menschen überziehen den Planeten mit Krieg und Abgasen solange, bis nur noch der Glaube ans Übersinnliche hilft, all das zu ertragen. OK, das ist jetzt ein recht deprimierendes Fazit, so insgesamt. Aber es bleibt ja außerdem immerhin noch der Sport.

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